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Das BAZL zeigt Lugano die Zähne - Massive Einschränkungen für den Regionalflughafen. - 23/08/2003
(Lugano-Agno)
Das Bundesamt für Zivilluftfahrt schränkt den Flugverkehr nach Lugano Agno kurzfristig massiv ein. Eine Überprüfung des Instrumentenanfluges hat ergeben, dass dieser einer Reihe internationaler Sicherheitsstandards nicht genügt. Betroffen ist nicht nur die Swiss. In Frage gestellt sind auch mehrfache Pläne für eine Linie Lugano - Genf.
met. Obwohl die Swiss ab Oktober ihre Flüge von Lugano nach Genf streiche, werde auf dieser Strecke in Zukunft Hochbetrieb herrschen, nachdem in Lugano und in Genf (vergleiche Kasten) Fluggesellschaften vorgestellt worden seien, welche diese Route befliegen wollten. Das schrieb die Schweizerische Depeschenagentur am Freitagmittag. Sie konnte zu jenem Zeitpunkt nicht wissen, was das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) fast zu gleicher Stunde in Bern den Medienvertretern eröffnete: Eine Überprüfung der Anflugordnung des Flughafens in Agno habe Abweichungen von den internationalen Normen ergeben. Die Flugzeuge müssten dort beim Instrumentenanflug in einer kurzen Zwischenphase mit einem Gleitwinkel von 11 Grad absinken. Für eine derart extreme Sinkrate - der Standardwert beträgt 3 Grad - sei kein Flugzeugtyp, der in Lugano landet, zertifiziert.
Herausgefunden haben die Inspektoren des BAZL auch noch, dass die Sicht-Minima nicht genügen. Bereits mit Wirkung ab Freitag werden deshalb jetzt 3100 Meter statt wie bisher 1500 Meter Horizontalsicht für die Besatzungen verlangt. BAZL-Direktor André Auer bezeichnete die vertiefte Überprüfung Luganos zum jetzigen Zeitpunkt als Zufall. Erinnert sei aber daran, dass die Behörde zur Aufsicht über die Zivilluftfahrt unter etwelchem Druck steht, seit eine vom Departement Leuenberger in Auftrag gegebene niederländische Studie Defizite im schweizerischen Dispositiv für den Flugverkehr diagnostiziert hat (NZZ 1. 7. 03).
Bereits ab Anfang September
Das BAZL fordert Lugano Agno dazu auf, sicherzustellen, dass der Anflugwinkel den Wert von 6 Grad nicht mehr überschreitet. In Kraft treten soll die neue Regelung - nach einer Anhörung des Flughafens und der interessierten Fluggesellschaften bis am 29. August - Anfang September. Agno wird eine Frist von einigen Wochen zur Anpassung der Anflugwinkelbefeuerung eingeräumt.
Pikant an der Sache ist, dass ein Teil der Flugzeuge, die Lugano ansteuern, auch für einen 6-Grad-Gleitweg nicht zugelassen sind. Dazu zählt namentlich die Saab 2000, mit der die Swiss zurzeit den Verkehr nach Lugano ausschliesslich abwickelt. Und gleichfalls mit dem schwedischen Turboprop-50-Plätzer wollten sowohl Moritz Suter als auch die Darwin Airline ab Herbst die Linie Lugano - Genf eröffnen. Nicht betroffen ist der dritte Mitbewerber, die Baboo Airways mit ihren Dash-8-Flugzeugen. Dagegen trifft der Bannstrahl aus Bern eine Reihe von Kleinjets, die in Lugano häufig zu sehen sind. Unter dem Aspekt der Sicherheit ist zu hoffen, dass die Taxiflugunternehmen die neuen Vorschriften nicht auszuhebeln beginnen, indem sie sich auch bei misslichem Wetter nach Sichtflugregeln bis nach Agno durchzumogeln versuchen.
Inwieweit die Flugsicherheit in Lugano bisher eingeschränkt war, lässt sich nach Auffassung des BAZL nicht eruieren. «Machbar» war der Anflug durchaus, aber er galt seit je als schwierig. Zum steilen Anflug kommt die heikle Topographie, gerade im Fall eines Durchstartmanövers. Ausserdem ist die Piste mit 1350 Metern vergleichsweise kurz. Und höchste Aufmerksamkeit ist von den Piloten auch im Verkehr mit der Flugsicherung gefordert. Lugano-«Tower» ist nur für die Schlussphase des Anflugs zuständig. Grundsätzlich kontrolliert wird der Luftraum im Südtessin durch Mailand, das den regen Verkehr in Linate und Malpensa abzuwickeln hat. Im Südtessin gilt also mit umgekehrten Vorzeichen - aus Gründen, die einleuchten - gerade jene Situation, die man im Streit mit Deutschland über die Anflüge auf Kloten schweizerischerseits unter allen Umständen verhindern will. Besatzungen, die Lugano anfliegen wollen, bedürfen eines Spezialtrainings und einer Sonderbewilligung.
Ungewisse Zukunft
Was das Einschreiten der Behörden für die Zukunft des Luftverkehrs nach Agno bedeutet, ist zurzeit schwierig abzuschätzen. Die Swiss will ihr Flugprogramm bis auf weiteres nach Flugplan abwickeln. Kompromittiert werden aber mit Sicherheit zumindest die Zeitpläne jener Gesellschaften, die ab Herbst in die von der Swiss hinterlassene Lücke springen wollten. Dabei wirft es schon einige Fragen auf, wenn ein Fluglinienbetreiber ausgerechnet die Home Base auf einem Flugplatz einrichten will, ab dem zu operieren, ihn, wie ein Blick in die einschlägigen Unterlagen ergäbe, betrieblich rasch an die Grenzen oder eben auch darüber hinaus bringt. Denkbar ist nun ein Anlauf zu einem neuen Zertifizierungsverfahren für betroffene Flugzeuge. Die Saab 2000 und mehrere andere Flugzeuge sind für einen Gleitwinkel von 5,5 Grad - jenen des kommerziell für Zubringerflugzeuge wichtigen Flughafens London City - zugelassen. Es liegt an den Fluggesellschaften beziehungsweise am Hersteller, die nötigen Schritte einzuleiten, die mit den nötigen Flugtests jedoch erfahrungsgemäss ihre Zeit dauern.
Von Mettler, H.
Neue Zürcher Zeitung
(Lugano-Agno)
Das Bundesamt für Zivilluftfahrt schränkt den Flugverkehr nach Lugano Agno kurzfristig massiv ein. Eine Überprüfung des Instrumentenanfluges hat ergeben, dass dieser einer Reihe internationaler Sicherheitsstandards nicht genügt. Betroffen ist nicht nur die Swiss. In Frage gestellt sind auch mehrfache Pläne für eine Linie Lugano - Genf.
met. Obwohl die Swiss ab Oktober ihre Flüge von Lugano nach Genf streiche, werde auf dieser Strecke in Zukunft Hochbetrieb herrschen, nachdem in Lugano und in Genf (vergleiche Kasten) Fluggesellschaften vorgestellt worden seien, welche diese Route befliegen wollten. Das schrieb die Schweizerische Depeschenagentur am Freitagmittag. Sie konnte zu jenem Zeitpunkt nicht wissen, was das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) fast zu gleicher Stunde in Bern den Medienvertretern eröffnete: Eine Überprüfung der Anflugordnung des Flughafens in Agno habe Abweichungen von den internationalen Normen ergeben. Die Flugzeuge müssten dort beim Instrumentenanflug in einer kurzen Zwischenphase mit einem Gleitwinkel von 11 Grad absinken. Für eine derart extreme Sinkrate - der Standardwert beträgt 3 Grad - sei kein Flugzeugtyp, der in Lugano landet, zertifiziert.
Herausgefunden haben die Inspektoren des BAZL auch noch, dass die Sicht-Minima nicht genügen. Bereits mit Wirkung ab Freitag werden deshalb jetzt 3100 Meter statt wie bisher 1500 Meter Horizontalsicht für die Besatzungen verlangt. BAZL-Direktor André Auer bezeichnete die vertiefte Überprüfung Luganos zum jetzigen Zeitpunkt als Zufall. Erinnert sei aber daran, dass die Behörde zur Aufsicht über die Zivilluftfahrt unter etwelchem Druck steht, seit eine vom Departement Leuenberger in Auftrag gegebene niederländische Studie Defizite im schweizerischen Dispositiv für den Flugverkehr diagnostiziert hat (NZZ 1. 7. 03).
Bereits ab Anfang September
Das BAZL fordert Lugano Agno dazu auf, sicherzustellen, dass der Anflugwinkel den Wert von 6 Grad nicht mehr überschreitet. In Kraft treten soll die neue Regelung - nach einer Anhörung des Flughafens und der interessierten Fluggesellschaften bis am 29. August - Anfang September. Agno wird eine Frist von einigen Wochen zur Anpassung der Anflugwinkelbefeuerung eingeräumt.
Pikant an der Sache ist, dass ein Teil der Flugzeuge, die Lugano ansteuern, auch für einen 6-Grad-Gleitweg nicht zugelassen sind. Dazu zählt namentlich die Saab 2000, mit der die Swiss zurzeit den Verkehr nach Lugano ausschliesslich abwickelt. Und gleichfalls mit dem schwedischen Turboprop-50-Plätzer wollten sowohl Moritz Suter als auch die Darwin Airline ab Herbst die Linie Lugano - Genf eröffnen. Nicht betroffen ist der dritte Mitbewerber, die Baboo Airways mit ihren Dash-8-Flugzeugen. Dagegen trifft der Bannstrahl aus Bern eine Reihe von Kleinjets, die in Lugano häufig zu sehen sind. Unter dem Aspekt der Sicherheit ist zu hoffen, dass die Taxiflugunternehmen die neuen Vorschriften nicht auszuhebeln beginnen, indem sie sich auch bei misslichem Wetter nach Sichtflugregeln bis nach Agno durchzumogeln versuchen.
Inwieweit die Flugsicherheit in Lugano bisher eingeschränkt war, lässt sich nach Auffassung des BAZL nicht eruieren. «Machbar» war der Anflug durchaus, aber er galt seit je als schwierig. Zum steilen Anflug kommt die heikle Topographie, gerade im Fall eines Durchstartmanövers. Ausserdem ist die Piste mit 1350 Metern vergleichsweise kurz. Und höchste Aufmerksamkeit ist von den Piloten auch im Verkehr mit der Flugsicherung gefordert. Lugano-«Tower» ist nur für die Schlussphase des Anflugs zuständig. Grundsätzlich kontrolliert wird der Luftraum im Südtessin durch Mailand, das den regen Verkehr in Linate und Malpensa abzuwickeln hat. Im Südtessin gilt also mit umgekehrten Vorzeichen - aus Gründen, die einleuchten - gerade jene Situation, die man im Streit mit Deutschland über die Anflüge auf Kloten schweizerischerseits unter allen Umständen verhindern will. Besatzungen, die Lugano anfliegen wollen, bedürfen eines Spezialtrainings und einer Sonderbewilligung.
Ungewisse Zukunft
Was das Einschreiten der Behörden für die Zukunft des Luftverkehrs nach Agno bedeutet, ist zurzeit schwierig abzuschätzen. Die Swiss will ihr Flugprogramm bis auf weiteres nach Flugplan abwickeln. Kompromittiert werden aber mit Sicherheit zumindest die Zeitpläne jener Gesellschaften, die ab Herbst in die von der Swiss hinterlassene Lücke springen wollten. Dabei wirft es schon einige Fragen auf, wenn ein Fluglinienbetreiber ausgerechnet die Home Base auf einem Flugplatz einrichten will, ab dem zu operieren, ihn, wie ein Blick in die einschlägigen Unterlagen ergäbe, betrieblich rasch an die Grenzen oder eben auch darüber hinaus bringt. Denkbar ist nun ein Anlauf zu einem neuen Zertifizierungsverfahren für betroffene Flugzeuge. Die Saab 2000 und mehrere andere Flugzeuge sind für einen Gleitwinkel von 5,5 Grad - jenen des kommerziell für Zubringerflugzeuge wichtigen Flughafens London City - zugelassen. Es liegt an den Fluggesellschaften beziehungsweise am Hersteller, die nötigen Schritte einzuleiten, die mit den nötigen Flugtests jedoch erfahrungsgemäss ihre Zeit dauern.
Von Mettler, H.
Neue Zürcher Zeitung
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